Die Gewalt in Nigeria hat erneut dramatische Ausmaße erreicht. Bei einem Angriff auf zwei Kirchen im abgelegenen Waldgebiet von Kurmin Wali im Bundesstaat Kaduna wurden über 160 Christen während eines Gottesdienstes entführt. Die Angreifer, ausgestattet mit hochentwickelten Waffen, stürmten die Kirchen am Sonntag gegen 11:25 Uhr Ortszeit und hinterließen eine Spur der Verwüstung.
Rev. Joseph Hayab, Vorsitzender der Christian Association of Nigeria für den nördlichen Teil des Landes, berichtete, dass von den 172 entführten Gläubigen lediglich neun Personen entkommen konnten. Diese Massenentführung ist nicht der erste Vorfall dieser Art; Nigeria hat eine traurige Geschichte von Entführungen, die oft aus Lösegeldforderungen resultieren. Im November wurden beispielsweise mehr als 300 Schüler und Lehrer einer katholischen Schule entführt, von denen die Geiseln später in zwei Gruppen freikamen. Diese Fälle verdeutlichen die anhaltende Krise der Sicherheit im Land.
Die anhaltende Entführungskrise
In den letzten zwölf Monaten wurden in Nigeria schätzungsweise rund 4.700 Personen entführt, während über 670 Menschen bei diesen Übergriffen getötet wurden. Diese alarmierenden Zahlen zeigen, wie weit verbreitet und systematisch diese Gewalt ist. Bewaffnete Gruppen, häufig als „Banditen“ bezeichnet, haben sich auf Entführungen und Lösegeld-Erpressung spezialisiert, was zu einem lukrativen Geschäft für sie geworden ist. Die Unsicherheit in der Region hat bereits dazu geführt, dass fast 50 Internate und Colleges geschlossen wurden, da Eltern um das Wohlergehen ihrer Kinder fürchten.
Die Situation wird weiter durch die anhaltende Schlechtigkeit der Sicherheitslage im Norden des Landes verschärft. Boko Haram, eine islamistische Gruppe, hat in der Vergangenheit Massenentführungen durchgeführt, die für ihre Brutalität bekannt sind, wie die Entführung von 276 Schülerinnen in Chibok im Jahr 2014. Heute sind es vor allem wirtschaftliche Motive, die die Täter antreiben, auch wenn religiöse Spannungen nicht ausgeschlossen werden können. Trotz Investitionen in das Militär bleibt der Staat scheinbar unfähig, das Geschäftsmodell der Kidnapper zu zerschlagen.
Internationale Reaktionen und lokale Konsequenzen
Angesichts der eskalierenden Gewalt tobt die Debatte um die Verantwortung der nigerianischen Regierung. Kritiker bemängeln, dass zu wenig unternommen wird, um die Bürger zu schützen. Nigerias Verteidigungsminister trat jüngst aufgrund dieser Krise zurück, offiziell aus gesundheitlichen Gründen, was Fragen zur Verantwortlichkeit aufwirft. Der Druck auf die Regierung wächst nicht nur im Inland, sondern auch international. Die USA, unter der Führung von Präsident Donald Trump, haben bereits Luftangriffe auf islamistische Gruppen im Nordwesten Nigerias durchgeführt und drohten mit weiteren Maßnahmen, sollten weiterhin Christen getötet werden. Trump spricht von einem Völkermord an der christlichen Bevölkerung.
In der Region herrscht zudem eine tiefe wirtschaftliche Krise, die zu einem Anstieg der Entführungen und weiterer Gewalt beiträgt. Die UNO warnt, dass im kommenden Frühjahr 35 Millionen Menschen im Norden Nigerias Hunger leiden könnten, was die ohnehin prekären Lebensbedingungen weiter verschärft.
Angesichts dieser komplexen Problematik ist klar: Eine effektive Befriedung der Region erfordert umfassende Verbesserungen in der staatlichen Versorgung und neue Perspektiven für die Bevölkerung. Nur so können die Wurzeln der Gewalt angegangen und zukünftige Tragödien verhindert werden.