In Deutschland wird aktuell über die telefonische Krankschreibung diskutiert, die während der Corona-Pandemie eingeführt und ab Dezember 2023 von Gesundheitsminister Karl Lauterbach dauerhaft etabliert wurde. Die Thematik wurde erneut ins Licht gerückt, nachdem Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) den hohen Krankenstand in Deutschland kritisierte und die telefonische Krankschreibung als möglichen Grund identifizierte. Laut Merz sind die Deutschen im Durchschnitt 14,5 Tage im Jahr krankgeschrieben, was zu einer intensiven Diskussion über mögliche Missbräuche führt und die Regierung veranlasst, die Regelung zu überprüfen.[exxpress]

Die Auswertungen der Krankenkassen zeigen jedoch keinen erhöhten Missbrauch der telefonischen Krankschreibung, wie Markus Beier, Vorsitzender des Hausärzteverbandes, betont. Er erklärt, dass Patienten der Praxis bekannt sein müssen und die Krankschreibung auf maximal fünf Tage begrenzt ist. Das Argument, dass die telefonische Krankschreibung einen „rechtsfreien Raum“ darstelle, ist laut Beier irreführend. Sein Verband weist darauf hin, dass diese Regelung Bürokratie abbaut und Arztpraxen entlastet, indem sie volle Wartezimmer verhindert und somit das Risiko zusätzlicher Ansteckungen senkt.[Tagesspiegel]

Warnungen vor negativen Folgen

Der Grünen-Gesundheitspolitiker Janosch Dahmen verteidigt die telefonische Krankschreibung und warnt, dass eine Abschaffung mehr Bürokratie und Belastung für Patienten und Arztpraxen mit sich bringen würde. Die Gewerkschaft ver.di äußert ebenfalls Skepsis gegenüber der Annahme, dass der Wegfall der telefonischen Krankschreibung zu weniger Krankheitstagen führen würde. Sie weisen darauf hin, dass viele Beschäftigte bereits Schwierigkeiten haben, kurzfristig einen Termin in Arztpraxen zu bekommen.[ZDF]

Die Kritik von Merz und die Forderunghaltung der Bundesvereinigung der deutschen Arbeitgeberverbände, die telefonische Krankschreibung abzuschaffen, stoßen auf Widerspruch. Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger bezeichnet den hohen Krankenstand als unfair gegenüber anderen Beschäftigten, gleichzeitig argumentieren Kritiker, dass die elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung, die seit 2022 eingeführt wurde, das Krankheitsgeschehen in Deutschland bereits umfassend erfasst.[ZDF]

Der Weg in die Politik

Die Diskussion rund um die telefonische Krankschreibung beinhaltet auch das politische Spielder Koalition. Merz kann die Regelung nicht einfach abschaffen, da sie im Sozialgesetzbuch verankert ist; eine Änderung erfordert eine Verordnung oder ein Gesetz. Im Koalitionsvertrag wurde vereinbart, den Missbrauch durch die telefonische Krankschreibung auszuschließen, was Gesundheitsministerin Nina Warken heute prüfen möchte, nachdem sie die Regelung als potenziell missbräuchlich betrachtet.[exxpress]

Die Auseinandersetzung um die telefonische Krankschreibung zeigt einmal mehr, wie sensibel das Thema Gesundheit und Arbeitswelt miteinander verknüpft ist und welche Herausforderungen die Politik meistern muss, um sowohl Patienten als auch medizinisches Personal zu schützen.