In Haiti hat sich eine politische Krise zugespitzt, die sich seit der Ermordung von Präsident Jovenel Moïse im Juli 2021 rasant verschärft hat. Der aktuelle Übergangsrat hat sich nun aufgelöst, und Ratsmitglied Emmanuel Vertilaire hat eingeräumt, dass die gesetzten Ziele trotz intensiver Bemühungen und Opfer nicht erreicht wurden. Vor wenigen Wochen versuchte der Übergangsrat, den Regierungschef Alix Didier Fils-Aimé abzusetzen. Die Situation wurde weiter kompliziert durch die Unterstützung der US-Regierung für Fils-Aimé, die einen Zerstörer sowie zwei Boote der Küstenwache vor Port-au-Prince kreuzen ließ. Analyst Diego Da Rin von der International Crisis Group weist darauf hin, dass die Marinepräsenz Washingtons den Einfluss der USA auf die Politik in der westlichen Hemisphäre verdeutlicht.

Mit knapp zwölf Millionen Einwohnern ist Haiti das ärmste Land des amerikanischen Kontinents. Seit 2016 sind Wahlen ausgeblieben, wodurch ein politisches Vakuum entstanden ist, das von kriminellen Banden ausgefüllt wurde. Diese Ganggewalt hat inzwischen rund 90 Prozent von Port-au-Prince unter ihre Kontrolle gebracht, und die Vereinten Nationen berichten, dass seit 2022 etwa 16.000 Menschen gewaltsam getötet und 1,5 Millionen Haitianer vertrieben wurden. Die aktuelle Situation hat auch dazu geführt, dass das öffentliche Leben in vielen Bereichen weitgehend zum Erliegen gekommen ist, während Dutzende Gangs gegeneinander kämpfen und die Zivilbevölkerung drangsalieren.

Hintergrund zu den Bandengewalt und humanitären Krisen

Die Gewalt in Haiti hat ihren Ursprung in der oben beschriebenen politischen Instabilität. Premierminister Ariel Henry übernahm nach dem Mord an Moïse die Übergangsregierung, konnte jedoch keinen Rückhalt in der Bevölkerung gewinnen. Sein Rücktritt im März 2024 erfolgte nach einem brutalen Angriff von Banden auf den Flughafen, bei dem über 4.000 Gefangene befreit wurden. Unter der Übergangsregierung von Garry Conille gab es zwar internationale Unterstützung, jedoch mangelte es an öffentlicher Akzeptanz. Die Gewalt hat sich in der jüngeren Vergangenheit etwas verringert, mehrere Gangs haben Fehden beigelegt, aber die humanitäre Krise bleibt katastrophal. Etwa 600.000 Menschen sind intern vertrieben, und nahezu fünf Millionen könnten an Hunger leiden.

Die wirtschaftliche Situation in Haiti hat sich ebenfalls dramatisch verschlechtert. Die Inflationsrate erreichte 2023 44 %, während die Wirtschaft seit fünf Jahren schrumpft. Korruption in den vorangegangenen Regierungen hat das Vertrauen in die Elite weiter untergraben, und es herrscht weitverbreitete politische Apathie. Auch die Erinnerungen an vergangene internationale Interventionen sind durchweg negativ, was die Skepsis gegenüber neuen Maßnahmen verstärkt hat. Es bleibt abzuwarten, wie die unter kenianischer Führung stehende internationale Polizeiintervention, die Anfang 2024 entsandt wurde, wirken wird, da unklare Aufgabenverteilungen und Personalmängel die Effektivität gefährden könnten.

Die Auswirkungen auf die Bevölkerung

Einer der verheerendsten Aspekte dieser Krise ist die Zunahme der Gewalt, die insbesondere die schwächsten Mitglieder der Gesellschaft trifft. Ein Beispiel ist die 13-jährige Virginia, die in ihrem Zuhause von einer verirrten Kugel getroffen wurde. Ihre Mutter Charitée eilte zu ihr, nachdem sie Schüsse gehört hatte. Virginia wurde schwer verletzt und leidet nun unter posttraumatischer Belastungsstörung, die es ihr unmöglich macht, zur Schule zu gehen. Trotz ihrer physischen Genesung hat sie Angst, allein zu sein und befürchtet um ihre Freunde in gefährlichen Gebieten. Die Unterstützung durch Organisationen wie UNICEF hat ermöglicht, dass sie die notwendige medizinische Behandlung erhält und wieder Hoffnung schöpfen kann.

Die geschilderten Ereignisse und Entwicklungen in Haiti spiegeln eine tiefe gesellschaftliche Krise wider, die nicht nur politische Lösungen erfordert, sondern auch umfassende humanitäre Hilfe, um die Not der Bevölkerung zu lindern.