Martin Kušej, ehemaliger Direktor des Burgtheaters, kehrt als Theaterregisseur zurück und inszeniert Thomas Bernhards Stück „Vor dem Ruhestand“ am Schauspielhaus Stuttgart. Die Premiere ist für den 21. Februar 2026 geplant. Kušej, der 2024 Wien verließ, hatte seine Bewerbung um eine Verlängerung seiner Amtszeit einen Tag vor der Ernennung seines Nachfolgers zurückgezogen und war seitdem von den großen Bühnen weitgehend abwesend. Ziel seiner Inszenierung ist es, die relevantesten Themen des Stücks, die sich um die Schatten der Geschichte und deren Nachwirkungen drehen, einer breiten Öffentlichkeit näherzubringen.
Bernhards „Vor dem Ruhestand“ wurde ursprünglich 1979 unter der Regie von Claus Peymann in Stuttgart uraufgeführt. Das Stück kommt zeitlich nach den Kontroversen um den baden-württembergischen Ministerpräsidenten Hans Karl Filbinger, dessen Vergangenheit als NS-Marinerichter bekannt wurde, und thematisiert die Mechanismen des Nationalsozialismus sowie deren anhaltende Effekte. Dazu gehört auch die kritische Auseinandersetzung mit der Rolle von Persönlichkeiten, wie Rudolf Höller, einem Gerichtspräsidenten und ehemaligen SS-Offizier, der kurz vor seinem Ruhestand steht. Höllers Familie zelebriert jährlich den Geburtstag von Heinrich Himmler, dem ehemaligen NS-Reichsinnenminister.
Die Geschichte hinter dem Stück
In „Vor dem Ruhestand“ geht es um die private Erinnerungskultur der Familie Höller, die sich nicht von der NS-Vergangenheit ihres Familienmitglieds Rudolf stören lassen will. Clara, die im Rollstuhl sitzt, symbolisiert die inneren Konflikte der Familie. Sie war einst eine leidenschaftliche Sozialistin und wird von ihren Geschwistern angegriffen, während sie sich den Erinnerungen an die dunkelsten Kapitel der Geschichte stellt. Dies spiegelt wider, wie das Stück die Verdrängung ernster Themen anprangert und die Problematik des Umgangs mit der NS-Vergangenheit thematisiert, die auch in der politischen Diskussion um Filbinger relevant war.
Die Regie von Kušej kommt zum Zeitpunkt, da das Schauspielhaus Stuttgart erneut die Möglichkeit hat, sich mit der eigenen Geschichte und den Herausforderungen der Erinnerungskultur auseinanderzusetzen. Die Uraufführung von „Vor dem Ruhestand“ unter Peymann war nicht nur eine kulturelle, sondern auch eine politische Aussage. Nach den Enthüllungen über Filbingers Rolle im Nationalsozialismus hatte die CDU Baden-Württemberg Peymanns Entlassung gefordert, was die komplexe Beziehung zwischen Theater und Politik in jener Zeit unterstreicht.
Theater und Nationalsozialismus
Der Kontext der Inszenierung ist auch im größeren Rahmen des Theaters während des Nationalsozialismus bedeutend. Die Reichstheaterkammer kontrollierte das Theaterwesen und schloss jüdische und politisch missliebige Künstler aus der Berufsausübung aus. Die Theaterstätten wurden zunehmend für Propaganda genutzt, und klassische Dramen standen im Vordergrund des Repertoires. Die Bühne diente nicht nur der Unterhaltung, sondern wurde auch als Medium für politische und ideologische Botschaften missbraucht.
Diese historische Perspektive zeigt, wie bedeutend es ist, sich mit der Vergangenheit kritisch auseinanderzusetzen. Thomas Bernhard, dessen Werk von einer tiefen Auseinandersetzung mit den Themen der menschlichen Existenz und der Moralisierung geprägt ist, nutzt die Bühne, um auch die dunklen Kapitel der Zeitgeschichte zu reflektieren. Kušej, der im Rahmen seiner neuen Inszenierung diese Themen aufgreift, bereitet dem Publikum eine Aufführung, die weit über die einfache Theatererfahrung hinausgeht und zur Diskussion über Verantwortung und Erinnerung anregt.