In einem aktuellen Dialog über die Zukunft der Stadtentwicklung hat Martin Heintel, ein führender Forscher am Institut für Geographie und Regionalforschung der Universität Wien, die Dringlichkeit des Themas „Raumgerechtigkeit“ hervorgehoben. In seiner Analyse der „Bestandsstadt“ Wien verweist er auf die enormen Veränderungen und Herausforderungen, die durch den Klimawandel und urbanen Druck entstehen. Heintel, der auch als Herausgeber des Buches „Wien7_Neubau: Stadtplanung, Stadtentwicklung und Stadtlabor“ agiert, beleuchtet diese Thematik nicht nur aus einer wissenschaftlichen Perspektive, sondern auch aus persönlichen Erfahrungen, die er als langjähriger Bezirksrat gesammelt hat.

Der Experte berichtet, dass die Raumtemperatur im Sommer in Wien bis zu 37 Grad betragen kann, was die Notwendigkeit eines Umdenkens in der Stadtplanung unterstreicht. Der Umbau der Universitätsstraße, der mehr Bäume und breitere Radwege beschert hat, wird trotz dieser positiven Aspekte als unzureichend erachtet, da beispielsweise keine Grüngleise für Straßenbahnen geschaffen wurden. Hier kritisiert Heintel die Klimapolitik der Stadt als „halbherzig“ und fordert mehr Mut bei der Umsetzung nachhaltiger Konzepte.

Transformation der Stadt

Heintel führt Besuche an vier markanten Orten in Wien, die verschiedene Etappen der Transformation des Bezirks zeigen. Ein Beispiel ist die Zieglergasse, die vor sieben Jahren zur „ersten grünen Meile Wiens“ umgebaut wurde. Der Umbau ist jedoch auch als „mutlos“ kritisiert worden. In der Zollergasse wurde zudem eine Baumreihe in der Straßenmitte gepflanzt, um das ursprüngliche Planungsmodell, das keine Bäume vorsah, zu überdenken. Ein weiterer bemerkenswerter Schritt war die Schaffung der ersten Straßenfläche Wiens ohne ruhenden Verkehr in der Bernardgasse, wo 152 Stellplätze aufgegeben wurden.

Die Bedeutung einer lebenswerten Umgebung mit Natur und Spielmöglichkeiten für Kinder wird immer wichtiger, betont Heintel. Diese Werte spiegeln sich auch in den Bemühungen der Forschungsgruppe wider, die an der Gestaltung von Nachhaltigkeits- und Klimapolitik arbeitet. Hierbei spielt der Einfluss von disruptiven Ereignissen wie Starkregen und Hitzewellen eine zentrale Rolle. Die Gruppe beleuchtet, wie sich gesellschaftliche und politische Prioritäten verändern und welche Herausforderungen sich daraus für die etablierten Planungsprozesse ergeben.

Das Potenzial für Veränderungen

Heintel beobachtet einen zunehmenden Druck aus der Bevölkerung für Veränderungen in der Stadt und sieht Wien im Vergleich zu Städten wie Paris, wo viele Straßen begrünt und für Fußgänger und Radfahrer zugänglich gemacht wurden, auf einem guten Weg. Dennoch fordert er, dass die Stadt mehr Mut und Konsequenz in der Umsetzung ihrer Pläne zeigt. Themen wie Sicherheit, Gesundheit und die Lebendigkeit der Erdgeschoßzonen gewinnen in diesem Zusammenhang an Bedeutung.

Die Forschungsgruppe, an der Heintel beteiligt ist, konzentriert sich auf die Entwicklung und Umsetzung von Strategien in der Klima-, Energie- und Umweltpolitik. Ein besonderes Augenmerk liegt auf den Handlungsmöglichkeiten von Stadtverwaltungen und -politiken im internationalen Vergleich sowie auf dem Wissenstransfer zwischen verschiedenen Städten und Politikfeldern. Das Buch von Heintel bietet eine Mischung aus Wissenschaftlichkeit, Erfahrungsberichten und Utopien für die urbane Zukunft, und verdeutlicht, wie wichtig evidenzbasierte Planung für eine nachhaltige Stadtentwicklung ist.

Insgesamt verdeutlicht der Diskurs um Raumgerechtigkeit, dass es an der Zeit ist, innovative Lösungen und mutige Entscheidungen zu treffen, um die urbanen Räume zukunftssicher zu gestalten – nicht nur in Wien, sondern weltweit. Der Weg zu einer nachhaltigeren Stadt erfordert Engagement, Konsistenz und die Bereitschaft, bestehende Strukturen zu hinterfragen und neu zu gestalten. Während Heintel Optimismus für die Zukunft hegt, bleibt der Aufruf nach konkreten Veränderungen und mutigen Schritten laut und deutlich.