Eine aktuelle Umfrage unter den Lesern von Exxpress zeigt ein besorgniserregendes Vertrauensdefizit in den Österreichischen Rundfunk (ORF). Bei der Online-Abstimmung äußerten 94 % der teilnehmenden 1501 Personen ihr Misstrauen gegenüber dem Sender. Lediglich 4 % gaben an, dem ORF zu vertrauen, während 2 % zumindest teilweise Vertrauen bekundeten. Dieser hohe Anteil an Skepsis ist vor dem Hintergrund neuer interner Konflikte und der jüngsten Ereignisse, darunter der Rücktritt von Generalsekretär Roland Weißmann, besonders relevant. Weißmanns Rücktritt hat Spekulationen über Machtkämpfe und die Führungskultur innerhalb des ORF angestoßen, die nun durch die Einrichtung einer Taskforce untersucht werden sollen, welche die Compliance-Stelle unterstützen wird, unter anderem im Hinblick auf Vorwürfe sexueller Belästigung, die er zurückweist.
Die Umfrageergebnisse reflektieren ein tiefes Misstrauen in den öffentlich-rechtlichen Sender, das durch jahrelange Diskussionen über seine politische Berichterstattung und die Finanzierung durch Gebühren genährt wird. Kritiker werfen dem ORF vor, eine zu enge Beziehung zur Politik zu pflegen und damit ihre Unabhängigkeit zu gefährden. Befürworter argumentieren hingegen, dass der ORF als zentraler Informationsanbieter unverzichtbar sei, insbesondere in Krisenzeiten, wo der Bedarf an verlässlichen Informationen steigt. Das Vertrauen in die Medien hat allgemein gelitten, nachdem verschiedene Skandale, wie im Fall des RBB und seiner Intendantin Patricia Schlesinger, aufgedeckt wurden.
Führungskonflikte und Reformen
Die Unsicherheit über die Zukunft des ORF wächst, vor allem mit Blick auf die Neuausrichtung des Senders, die von Ingrid Thurnher interimistisch geleitet wird. Thurnher bleibt zudem Radiodirektorin, während die zunächst für Ende 2026 geplante Ausschreibung des Generaldirektorenpostens bereits ein zentrales Thema im Stiftungsrat sein wird. Ein „Future Day“ ist für Mai oder Juni geplant, um den öffentlich-rechtlichen Auftrag des ORF zu diskutieren.
Die Kritik an der politischen Einflussnahme und den zur Verfügung stehenden Geldern erreicht jedoch nicht nur den ORF. Eine umfassende gesellschaftliche Analyse zeigt, dass das Vertrauen in Medien generell durch zahlreiche Krisen, beginnend mit der Finanzkrise 2008, erheblich beeinflusst wurde. Die Corona-Pandemie und der Ukraine-Konflikt haben das Informationsbedürfnis der Bevölkerung weiter gesteigert. Laut einer Langzeitstudie in Deutschland hatten im Jahr 2022 nur 62 % der Befragten Vertrauen in den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, was einen Rückgang im Vergleich zu 70 % im Jahr 2020 darstellt. In Österreich könnte der aktuelle Vertrauensschwund beim ORF somit auch ein Spiegelbild breiterer medienpolitischer Probleme und Krisen sein.
Ausblick auf die Herausforderungen
Die Umfrage unter den Exxpress-Lesern stellt dem ORF ein eklatantes Misstrauensvotum aus. Angesichts der bevorstehenden Reformen und der anhaltenden internen Turbulenzen steht der Sender vor der Herausforderung, das Vertrauen der Öffentlichkeit zurückzugewinnen. Die Rückkehr zu einer glaubwürdigen berichtenden Rolle könnte von entscheidender Bedeutung sein, um das Vertrauen in den ORF, das über das Ergebnis dieser Umfrage hinausgeht, zu restaurieren. Umfragen dieser Art verdeutlichen, dass das Vertrauen in Medien eine zentrale Rolle für die Entscheidungsfindung der Bürger spielt und die Notwendigkeit, dass öffentlich-rechtliche Sender sich stetig neu evaluieren und anpassen müssen, wenn sie ihre Relevanz und ihr Vertrauen in der Gesellschaft bewahren wollen.



