Die Diskussion um die Kompetenzerweiterung für Pflegekräfte nimmt an Fahrt auf. Der Österreichische Gesundheits- und Krankenpflegeverband (ÖGKV) fordert eine schnellere Umsetzung dieser Maßnahmen, um ein wichtiges Ziel zu erreichen: Pflegekräfte sollen die Befugnis bekommen, einfache Medikamente zu verschreiben. Dies ist Teil einer geplanten neuen Arzneimittelverordnung, die eine Medikamentenliste für diplomierte Pflegekräfte bis Herbst 2025 umfassen soll. In einer Aussendung äußerte der ÖGKV Irritation über die anhaltenden Verzögerungen und forderte die rasche Freigabe der „Over-the-counter“-Liste (OTC), die Pflegepersonen ermöglichen würde, bestimmte rezeptfreie Medikamente im professionellen Kontext zu nutzen, was derzeit nicht der Fall ist und die Effizienz in der Patientenversorgung beeinträchtigt.

ÖGKV-Präsidentin Elisabeth Potzmann erklärte, dass eine klar geregelte Medikamentenkompetenz sowohl Abläufe beschleunigen als auch die Versorgung verbessern würde. Auch die Austrian Nursing Directors Association (ANDA) unterstützt die rasche Umsetzung der Kompetenzerweiterung, da diese einen wichtigen Schritt für moderne Versorgungsstrukturen darstelle. ANDA-Vorsitzende Margareta Bruckner fügte hinzu, dass die eigenverantwortliche OTC-Anordnung durch Pflegepersonen nicht nur Behandlungsprozesse beschleunigen, sondern auch Schnittstellenverluste reduzieren könnte.

Internationale Vergleiche

Der ÖGKV weist darauf hin, dass Österreich im internationalen Vergleich hinterherhinkt. In mehreren skandinavischen Ländern und anderen europäischen Staaten ist es Praxis, dass Pflegepersonen Medikamente verschreiben. Einige Länder, wie Schweden, erlauben spezialisierten Pflegepersonen dies bereits seit 1994. Die österreichische Diskussion um die Freigabe von OTC-Medikamenten steht somit im Kontrast zu den Entwicklungen in diesen Ländern, wo Pflegekräfte bereits verantwortungsvoll Medikamente verschreiben.

Zusätzlich zu den österreichischen Bestrebungen gibt es auch in Deutschland Bestrebungen zur Stärkung der Pflegeberufe. Der Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach plant Reformen, um Pflegekräfte besser in die Versorgung zu integrieren und ihre Befugnisse durch das geplante Pflegekompetenzgesetz erheblich zu erweitern. Geplant ist unter anderem die Einführung der Advanced Practice Nurse (APN), einer hochqualifizierten Pflegefachkraft, die Arzneimittel verordnen darf. Zu den neuen Befugnissen der Pflegekräfte zählen auch Ernährungsberatungen und Wundversorgungspläne sowie die Leitung kleinerer Praxen.

Die Herausforderungen der Pflegeberufe

In Deutschland steht die Pflege vor ähnlichen Herausforderungen wie in Österreich, insbesondere durch den demografischen Wandel, der zu einer steigenden Zahl pflegebedürftiger Menschen bei gleichzeitig sinkenden Fachkräften führt. Ziel der Reformen ist es, den Pflegeberuf attraktiver zu gestalten und eine bessere Einbindung von Pflegekräften in die Patientenversorgung zu erreichen. Die Herausforderungen zur Sicherstellung der Versorgungsqualität sind dabei nicht zu unterschätzen, da es Bedenken hinsichtlich der Qualität der Arzneimitteltherapie und der Verantwortung gibt, die auf die Pflegekräfte übertragen wird.

Die geplanten Änderungen zielen auf eine Entlastung der hausärztlichen Versorgung ab und sollen die Zugänglichkeit zu Gesundheitsleistungen insbesondere in strukturschwachen Regionen verbessern. Trotz der Chancen, die die Reformen bieten, bestehen auch Bedenken, vor allem bei ärztlichen Berufsverbänden, die vor Medikationsfehlern und unzureichend geklärten Haftungsfragen warnen. Internationale Erfahrungen aus Ländern wie den USA, Kanada und Großbritannien zeigen jedoch, dass APNs durchaus in der Lage sind, qualitativ hochwertige Entscheidungen zu treffen.

In der aktuellen politischen Diskussion wurde der Gesetzentwurf zur Befugniserweiterung bereits am 11. September 2025 in erster Lesung im Bundestag beraten und in den Gesundheitsausschuss überwiesen. Der Entwurf sieht unter anderem die Reduzierung der Pflegedokumentation auf das gesetzlich notwendige Maß vor, was eine Befreiung von Bürokratie für Pflegekräfte zur Folge haben könnte. Die geplante Ausbildung für Pflegefachassistenten soll 2027 starten und eine einheitliche Grundlage für die Professionalisierung in der Pflege bieten.

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass die Stärkung der Kompetenzen von Pflegekräften sowohl in Österreich als auch in Deutschland eine zentrale Rolle spielt, um den zukünftigen Herausforderungen im Gesundheitswesen zu begegnen. Der Erfolg dieser Vorhaben hängt jedoch maßgeblich von der konkreten Umsetzung ab.