Eine neue Übersichtsstudie zeigt, dass medizinisch eingesetztes Cannabis keinen belegbaren Nutzen bei psychischen Leiden wie Depressionen, Angststörungen oder posttraumatischen Belastungsstörungen hat. Diese Erkenntnis stammt aus einer umfassenden Analyse, die im Fachjournal „The Lancet Psychiatry“ veröffentlicht wurde und von einem Forschungsteam der Universität Sydney durchgeführt wurde. Die Studie gilt als die größte Meta-Analyse zu diesem Thema und umfasst Daten aus 54 internationalen klinischen Studien mit insgesamt 2477 Patienten, die zwischen 1980 und 2025 behandelt wurden, wie vienna.at berichtet.
Die Forscher fanden zwar mögliche leichte Effekte von medizinischem Cannabis bei Autismus, Schlaflosigkeit und dem Tourette-Syndrom, jedoch mit niedrigerer Qualität der Befunde. Jack Wilson, der federführende Autor der Studie, wies darauf hin, dass ohne hochwertige medizinische Unterstützung der Einsatz von Cannabis in diesen Fällen selten gerechtfertigt ist. Zudem könnte der routinemäßige Konsum von medizinischem Cannabis wirksamere Therapien verzögern oder unerwünschte Nebenwirkungen hervorrufen.
Bereich der nicht-psychischen Leiden
Im Gegensatz zu den psychischen Leiden zeigt die Studie auch, dass es bei nicht-psychischen Leiden wie Epilepsie, Multipler Sklerose und bestimmten Schmerzen nachweisbare Vorteile durch den Einsatz von medizinischem Cannabis gibt. Diese Ergebnisse unterstreichen die Notwendigkeit differenzierter Betrachtungen hinsichtlich der Anwendung medizinischen Cannabis.
Dennoch gibt es in Fachkreisen Bedenken bezüglich dieser Untersuchung. Expertin Kirsten Müller-Vahl kritisierte, dass THC und CBD, die unterschiedliche Wirkungen haben, in der Analyse gemeinsam bewertet wurden. Es gibt Hinweise auf die potenzielle Wirksamkeit von CBD bei sozialen Angststörungen und von THC bei posttraumatischen Belastungsstörungen, was auf die Komplexität der Thematik hinweist. Gleichwohl plant die Bundesregierung Maßnahmen, um den Missbrauch von medizinischem Cannabis einzudämmen. Seit 2017 ist dessen Verschreibung in Deutschland legal, und ab April 2024 wird es nicht mehr unter das Betäubungsmittelgesetz fallen.
Auswirkungen der Legalisierung
Parallel zu den Diskussionen über medizinisches Cannabis gibt es neurologische und psychiatrische Entwicklungen im Zusammenhang mit der Legalisierung von Cannabis zu Freizeitzwecken in Deutschland, die am 1. April 2024 in Kraft trat. Dieser Schritt führte zu Bedenken, dass es zu einer Zunahme cannabisinduzierter Psychosen kommen könnte, da Cannabis als Risikofaktor für psychotische Störungen gilt. Laut einer Untersuchung, die die Hospitalisierungsraten vor und nach der Legalisierung in einer Region analysierte, stieg die Rate für cannabisinduzierte Psychosen von 1,68 auf 3,00 pro 100.000 Einwohner pro Quartal. Die allgemeinen hospitalisierungsbedingten Störungen aufgrund von Cannabis stiegen ebenfalls signifikant, so Ärzteblatt.
Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Diagnosen cannabisinduzierter Psychosen sowie allgemeine cannabisbezogene Störungen nach der Legalisierung zugenommen haben. Dies könnte durch eine veränderte Diagnosepraxis oder erhöhten diagnostischen Aufmerksamkeit bedingt sein. Die Autoren der Studie empfehlen, gezielte Präventionsmaßnahmen zu ergreifen und auf weitere Studien zur detaillierten Untersuchung der Inzidenz cannabisinduzierter Psychosen hinzuarbeiten.
Diese Entwicklungen verdeutlichen die Notwendigkeit einer sorgfältigen Abwägung der Risiken und Nutzen im Umgang mit Cannabis, sowohl in medizinischen als auch in Freizeitkontexten. In einer Zeit, in der der Zugang zu Cannabis einfacher wird, bleibt die Frage, wie der verantwortungsvolle Gebrauch sichergestellt werden kann.



