Die Rückkehr des Leiters des SOS-Kinderdorfs im osttiroler Nußdorf-Debant wird von der Öffentlichkeit mit gemischten Gefühlen aufgenommen. Nach schwerwiegenden Vorwürfen kann der betreffende Mann wieder seinen Dienst antreten, wie dolomitenstadt.at berichtet. Diese Vorwürfe, die im Zuge einer Missbrauchsaffäre rund um die Organisation bekannt wurden, betreffen Vorfälle aus den 1990er- und 2000er-Jahren, als der Mann noch nicht als Kinderdorf-Leiter tätig war.
Eine Sonderuntersuchung, die von der Organisation in Auftrag gegeben wurde, führte schließlich zur Aufhebung der Dienstfreistellung des Leiters. Es stellte sich heraus, dass die Vorwürfe, die von zwei Erwachsenen erhoben wurden, nicht zu einem strafrechtlich relevanten Sachverhalt oder einer Kindeswohlgefährdung führten. Die Aufarbeitung der Angelegenheit ist jedoch noch nicht abgeschlossen und wird die Geschichte des Kinderdorfs im zeitlichen Verlauf betrachten.
Umfassende Aufarbeitung erforderlich
Während der Aufarbeitung der Vorwürfe hatte die Organisation eine interimistische Leitung eingesetzt. Die betroffenen Personen sind mittlerweile erwachsen und nicht mehr in Betreuung. Im vergangenen Jahr hatten sich bereits zwei Frauen gemeldet, die ebenfalls von gewalttätigen Übergriffen während ihrer Zeit im Kinderdorf berichteten.
Die Problematik ist nicht auf Osttirol beschränkt. In Deutschland hat eine unabhängige Kommission schon seit den 1960er-Jahren insgesamt 226 Fälle von Übergriffen in SOS-Kinderdorf-Einrichtungen untersucht, wie tagesschau.de vermeldet. Diese Vorfälle umfassen sowohl körperliche als auch psychische und sexuelle Gewalt, einige Betroffene berichten sogar von Vergewaltigungen.
Zukunftsorientierte Maßnahmen
Die Berichterstattung über diese Missbrauchsaffären hat zu einem größeren Bewusstsein innerhalb der Organisation geführt. Rund 40 Prozent der Übergriffe fanden in Kinderdorffamilien und Wohngruppen statt. In etwa der Hälfte der Fälle waren Mitarbeitende wie Kinderdorfmütter oder Erzieher beteiligt, während 20 Prozent der Taten von anderen betreuten Jugendlichen ausgingen.
Um die Sicherheit der Kinder zu gewährleisten, hat SOS-Kinderdorf einen umfassenden „Aktionsplan Kinderschutz“ gestartet, der unter anderem die Einstellung von Kinderschutzfachkräften vorsieht. Ab 2025 soll in jeder Kinderdorffamilie eine „Jahresreflexion“ durchgeführt werden, um mögliche Risiken frühzeitig zu erkennen und zu minimieren. Vorstandsvorsitzende Sabina Schutter hat sich in diesem Zusammenhang für die unzureichende Reaktion auf frühere Beschwerden entschuldigt und betont, dass die Organisation ihre Betreuungskonzepte modernisieren möchte, jedoch nicht abschaffen will.