Der amerikanische Dokumentarfilmer Frederick Wiseman ist am 17. Februar 2026 im Alter von 96 Jahren verstorben. Geboren am 1. Jänner 1930 in Boston, hinterlässt er ein bemerkenswertes Erbe in der Welt des Dokumentarfilms. Wiseman war das einzige Kind jüdischer Eltern: Jacob Leo Wiseman, ein aus Russland emigrierter Anwalt, und Gertrude Kotzen, eine Verwaltungsangestellte in der Psychiatrie. Nach seiner Ausbildung und einer kurzen Lehrtätigkeit im Rechtswesen, die ihm nicht zusagte, diente er in der US-Armee nach dem Koreakrieg. Anschließend wandte er sich dem Filmemachen zu.

Sein erster Spielfilm, „Titicut Follies“, erschien 1967 und setzte sich mit den Insassen des Bridgewater State Hospital for the Criminally Insane auseinander. Dieser Film erregte großes Aufsehen und wurde ein Jahr nach seiner Veröffentlichung vom Obersten Gericht in Massachusetts verboten – ein historischer Fall von Zensur, der nicht auf Obszönität basierte. Trotz der Zustimmung der Insassen zur Filmaufnahme wurde das Verbot damit begründet, dass die Privatsphäre der Insassen verletzt worden sei. Erst 1991 wurde das Verbot aufgehoben und 2022 wurde der Film in das United States National Film Registry aufgenommen.

Künstlerische Vision und Einfluss

Wiseman war bekannt für seinen einzigartigen, beobachtenden Ansatz in Dokumentarfilmen, der auf Voice-over-Kommentare und inszenierte Interviews verzichtete. Über ein halbes Jahrhundert hinweg drehte er rund 50 Filme, die sich mit verschiedenen Institutionen und deren Einfluss auf Menschen befassten. Zu seinen bekanntesten Werken zählen „High School“ (1968) und „High School II“ (1994), beide Teil des National Film Registry der Library of Congress. Weitere bedeutende Filme sind „Law and Order“ (2001) sowie „Domestic Violence“ (2001), die im öffentlich-rechtlichen Fernsehen ausgestrahlt wurden.

Ein zentrales Thema in Wisemans Werk ist das Verhältnis von Mensch und Institution. Er filmte nicht nur psychiatrische Einrichtungen, sondern auch Nachtklubs, Pferdeshows, das Pariser Nationalballett sowie die Londoner National Gallery. Sein neuestes Werk, „Menus-Plaisirs – Les Troisgros“, begann er im Alter von 92 Jahren und präsentierte es 2023 auf den Filmfestspielen von Venedig.

Auszeichnungen und persönliche Reflexion

2016 erhielt Wiseman einen Ehrenoscar für seine „meisterhaften und unverwechselbaren Dokumentarfilme“. Seine Produktionsfirma, Zipporah Films, benannte er nach seiner Frau, die 2021 verstarb. Wiseman war ein stiller Autor, der erst spät in seinem Leben über seine jüdische Herkunft und seine Erfahrungen mit Antisemitismus sprach. Er selbst bezeichnete seine Filme nicht lediglich als „observational cinema“ oder „cinéma verité“, sondern als „reality fiction“.

Zu seinen letzten Arbeiten gehört „City Hall“ (2020), eine vierstündige Betrachtung der kommunalen Organisation in Boston, die sein bemerkenswertes Gespür für das Institutionelle unter Beweis stellt. Wiseman nahm sich für das Filmen bis zu zehn Wochen an einem Ort und schnitt monatelang das Material, was seinen ausgewogenen und präzisen Stil unterstreicht. Anlässlich seines 95. Geburtstags am 1. Jänner 2023 wurde ihm von vielen eine große Würdigung zuteil.