Am 12. März 2026 hat der ORF-Stiftungsrat in einer Sitzung beschlossen, Ingrid Thurnher mit der vorläufigen Leitung des Österreichischen Rundfunks (ORF) zu betrauen. Diese Entscheidung folgte unmittelbar auf den Rücktritt von ORF-Generaldirektor Roland Weißmann, der aufgrund von Vorwürfen sexueller Belästigung zurücktrat. Thurnher wurde einstimmig von den 35 Mitgliedern des Gremiums gewählt und übernimmt neben ihrer neuen Rolle auch weiterhin das Amt der ORF-Radiodirektorin.
In ihrer ersten Stellungnahme betonte Thurnher die Wichtigkeit von Verantwortung und dem Verzicht auf Machtmissbrauch. Der Stiftungsrat kündigte zudem an, dass eine umfassende Aufarbeitung der Vorwürfe gegen Weißmann in Zusammenarbeit mit einer Compliance-Stelle des ORF erfolgen soll. Diesbezüglich wird eine Taskforce eingesetzt, die sich mit der bestehenden Führungskultur im ORF auseinandersetzen wird.
Hintergründe des Führungswechsels
Der Rücktritt von Roland Weißmann, der erst 2022 zum Intendanten des ORF gewählt wurde, ist auf den Vorwurf einer ORF-Mitarbeiterin zurückzuführen, die ihn beschuldigte, sie sexuell belästigt zu haben. Diese Vorwürfe wies Weißmann vehement zurück. Er trat jedoch zurück, um weiteren Schaden für das Unternehmen zu vermeiden, nachdem der Stiftungsrat ihn zur Ablösung aufgefordert hatte. Laut einem Bericht von [ZDF] gibt es zunehmend Fragen zur Zukunft von Weißmann, da er derzeit beurlaubt ist und die Umstände für eine mögliche Rückkehr ungewiss bleiben.
Die Sitzung des Stiftungsrats fand am Donnerstag statt, und es wurden bereits Maßnahmen zur Verbesserung der internen Abläufe besprochen. Darunter sind Änderungen an der Geschäftsordnung, die eine straffere Führung von Debatten und die Möglichkeit von Ordnungsrufen sowie temporären Sitzungsunterbrechungen beinhalten. Peter Westenthaler äußerte in diesem Kontext Bedenken, dass diese Änderungen die Kommunikation im Gremium in eine „Diktatur“ umwandeln könnten.
Zukunftsperspektiven und Ausschreibungen
Für die Übergangsbesetzung des Generaldirektorenpostens wird eine Ausschreibung bis zum Jahresende in Aussicht gestellt. Das Verfahren für die reguläre fünfjährige Funktionsperiode wird im Mai 2027 starten. In Vorbereitung auf die bevorstehenden Veränderungen planen die Stiftungsratvorsitzenden Heinz Lederer und Gregor Schütze eine Sondersitzung im April, um über die Ausschreibungskriterien zu beraten. Zudem soll ein „Future Day“ im Mai oder Juni stattfinden, um den öffentlich-rechtlichen Auftrag des ORF zu thematisieren.
Ingrid Thurnher, die ihre Karriere beim ORF 1985 begann und unter anderem als Chefredakteurin von ORF III tätig war, steht nun an der Spitze des Senders. Ihre Ernennung erfolgt zu einem herausfordernden Zeitpunkt, da der ORF sich auf die Ausrichtung des Eurovision Song Contest im Mai 2026 vorbereitet.
Der Stiftungsrat blickt optimistisch in die Zukunft und betont, dass der ORF trotz der aktuellen Turbulenzen weiterhin als voll funktionsfähig gilt. Thurnher ist bereit, die Herausforderung anzunehmen und in dieser Übergangszeit Stabilität zu bieten.