In Wien wird bis zum 8. Juni 2026 eine bedeutende Intervention unter dem Titel „Die Fluchtstube – Geheimnisse eines verborgenen Raumes“ im Jüdischen Museum gezeigt. Organisiert in Zusammenarbeit mit dem Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (DÖW), beleuchtet die Installation das Versteck des Holocaust-Überlebenden Emmerich Grünwald. Der Raum, der nach dem Abriss eines Gebäudes Anfang 2026 vollständig sichtbar wurde, ist eine bis dahin verborgene Erinnerung an die Schrecken der NS-Zeit und die Folgen der Verfolgung.
Emmerich Grünwald, geboren 1896, wurde 1942 ins Ghetto Theresienstadt deportiert. Trotz körperlicher Beeinträchtigung überlebte er und kehrte 1945 nach Wien zurück, wo er sein „arisiertes“ Radiogeschäft wieder in Besitz nehmen konnte. Zwischen seinem Geschäft und seiner Wohnung in der Schlickgasse 4 richtete er eine „Fluchtstube“ ein, die über eine geheime Treppe unter einem Kleiderschrank erreichbar war. Diese Fluchtstube war mehr als nur ein Versteck; sie verfügte über eine kleine Küche und eine Musikanlage, die als einziger erhalten gebliebener Teil der Einrichtung heute Teil der Ausstellung ist.
Erinnerungen an die NS-Verfolgung
Die Installation kombiniert filmische Aufnahmen, Interviews und historische Recherchen, um ein umfassendes Bild der psychischen Nachwirkungen der NS-Verfolgung zu vermitteln. Die Kuratoren der Ausstellung, Marcus G. Patka (JMW) und Wolfgang Schellenbacher (DÖW), ermöglichen damit einen wichtigen Zugang zur Geschichte der Überlebenden und erinnern an die individuellen Schicksale, die oft im Schatten der größeren Erzählungen verloren gehen.
Die Arolsen Archives, gegründet 1948 als „International Tracing Service“, spielen eine zentrale Rolle bei der Dokumentation von NS-Verbrechen und der Klärung der Schicksale von Betroffenen. Diese Organisation leistet nicht nur für Überlebende Unterstützung bei der Durchsetzung von Entschädigungsansprüchen, sondern hilft auch Angehörigen, die Gewissheit über die Schicksale ihrer Liebsten suchen. Jährlich wenden sich Zehntausende Menschen an die Arolsen Archives, die mittlerweile das weltweit größte Archiv zu Opfern und Überlebenden des Nationalsozialismus darstellen. Ihre Sammlung gehört zum UNESCO Weltdokumentenerbe und ist eine wichtige Wissensquelle für die Gesellschaft.
Kulturelles Gedächtnis und Aufklärung
Die Arbeit der Arolsen Archives lässt sich im Kontext der erschreckenden Entwicklungen während der NS-Zeit verorten. Ab Oktober 1938 wurden beispielsweise 17.000 Juden als „polnischstämmig“ aus Deutschland abgeschoben. Diese Menschen fanden sich in einem erbärmlichen Zustand im deutsch-polnischen Grenzgebiet wieder und litten unter den gravierenden Auswirkungen der nationalsozialistischen Ausgrenzungspolitik. Die Pogromnacht von 1938, in der Nationalsozialisten zahlreiche jüdische Geschäfte und Synagogen zerstörten, führte zu einer weiteren Verschärfung der Diskriminierung, die mit der Verordnung zur Ausschaltung der Juden aus dem Wirtschaftsleben in der Folge legitimiert wurde.
Die Intervention im Jüdischen Museum Wien und die wertvolle Arbeit der Arolsen Archives zeigen die Notwendigkeit, den Opfern der NS-Verfolgung eine Stimme zu geben und deren Geschichten lebendig zu halten. Sie fördern eine moderne Erinnerungskultur, die Respekt, Vielfalt und Demokratie in den Vordergrund stellt.