Am 9. März 2026 versammelten sich rund hundert Besucher im Malersaal des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg, um an der Lesung von Alice Schwarzer aus ihrem neuen Buch „Feminismus pur. 99 Worte“ teilzunehmen. Doch die Veranstaltung war von hitzigen Protesten begleitet. Mehrere Aktivisten stürmten auf die Bühne und unterbrachen die Lesung mit lauten Parolen, was vom Publikum zum Teil mit Buh-Rufen quittiert wurde. Trotz der Störungen blieb Schwarzer ruhig auf ihrem Platz und wartete auf die Beruhigung der Gemüter.

Vor der Lesung hatten sich bereits über hundert Demonstranten vor dem Theater versammelt, die Schwarzer vorwarfen, einen „transfeindlichen, rassistischen und ausgrenzenden Radikalfeminismus“ zu vertreten. Ihre Kontroversen zu Themen wie Trans-Rechten und der Sexualarbeit standen im Mittelpunkt der Kritik. Insbesondere wurde ihre Behauptung kritisiert, dass Transgender-Geschlechtlichkeit ein „Trend“ sei, der nachteilige Auswirkungen auf „Kinder und Jugendliche“ haben könnte. Das Schauspielhaus hielt dennoch an der Lesung fest und wies darauf hin, dass Schwarzer sich seit Jahrzehnten zu vielen Themen äußert und sich bewusst auch kontroversen Debatten stellt.

Meinungsfreiheit vs. Proteste

Trotz der Forderungen zur Absage der Lesung, die etwa durch einen offenen Brief von Theaterbeschäftigten unterstrichen wurden, die einen „keine Bühne für Hetze! Keine Bühne für Alice Schwarzer!“ forderten, entschied sich die Intendantin des Schauspielhauses, Karin Beier, die Veranstaltung fortzusetzen. Sie hatte im Vorfeld betont, dass es wichtig sei, verschiedene Meinungen zuzulassen und einen Raum für Meinungsvielfalt zu schaffen.

Die Proteste reflektieren die wachsende gesellschaftliche Spaltung bezüglich der Gender-Debatten. Antifeministische Positionen, die in einer ideologischen Nähe zur extremen Rechten stehen, mobilisieren zunehmend Akteure gegen feministische Strömungen. Diese Antifeminismus-Bewegung schlägt eine Brücke zwischen unterschiedlichen Gruppierungen, sowohl gewaltfreier als auch gewaltbereiter, die gegen Gleichstellung und vielfältige Familienformen auftreten. Sie inszeniert sich als Verteidigerin einer heteronormativen Geschlechterordnung und nutzt Ressentiments gegen „Gender“ zur politischen Mobilisierung.

So zeigt eine aktuelle Umfrage, dass 20 Prozent der Befragten der Aussage zustimmen, dass Feminismus gesellschaftliche Harmonie stört. Die extreme Rechte hat eine antifeministische Familienpolitik als eine ihrer zentralen Säulen etabliert, die häufig mit kritischen Äußerungen über Gender-Themen einhergeht. In diesem Kontext wird deutlich, dass Schwarzers kontroverse Positionen nicht nur persönliche Ansichten spiegeln, sondern Teil einer größeren Debatte sind, die bereits seit geraumer Zeit die politische Landschaft prägt.

Schwarzer selbst erklärte nach den Störungen: „Wir sind da, um voneinander zu hören und uns auszutauschen. Wir müssen überhaupt nicht einer Meinung sein.“ Diese Aussagen verdeutlichen den Konflikt zwischen der Vorstellung von öffentlicher Debatte und dem Drang, bestimmte Meinungen im Namen des Schutzes von Minderheiten zu unterdrücken. Die Ereignisse um die Lesung werfen somit ein Licht auf die anhaltenden und teils hitzigen Auseinandersetzungen rund um feministische und antifeministische Diskurse in der heutigen Gesellschaft.