Der geplante Ausbau des Kaunertal-Kraftwerks durch die Tiroler Energieversorger Tiwag steht massiv in der Kritik. Der Österreichische Alpenverein und der WWF fordern aufgrund unzureichender Informationen und ungelöster Sicherheitsfragen ein Moratorium für das Projekt. Sie argumentieren, dass die klimabedingten Risiken und Naturgefahren im hochalpinen Raum nicht ausreichend berücksichtigt werden.

Die Tiwag-Pläne für das Mega-Pumpspeicherkraftwerk wurden erstmals im Jahr 2009 eingereicht, die Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) folgte 2012. Mitte 2024 unterteilte Tiwag das Projekt in zwei Teile und strebt nun einen rechtskräftigen Teilbescheid für den ersten Teil an. Allerdings wird ein Bescheid voraussichtlich erst im Jahr 2027 ergehen, was den geplanten Baustart für 2029 in Frage stellt. Zum aktuellen Zeitpunkt sind die Unterlagen für die UVP im März 2025 eingereicht worden, während das Gutachten für Mai 2026 erwartet wird – eine Verzögerung von drei Monaten.

Offene Sicherheitsfragen

Der Alpenverein und der WWF mahnen an, dass das Risiko von Felsstürzen in den letzten Jahrzehnten vervierfacht wurde. Sie kritisieren die Gefahrenbewertungen für Felsstürze, Muren und Flutwellen als unzureichend. Die Geomorphologe Wilfried Haeberli stellte in einer Analyse im August 2025 fest, dass die UVP-Unterlagen aufgrund von Mängeln neu erarbeitet werden müssen.

Bettina Urbanek vom WWF nennt „extreme Lücken“ in den Unterlagen zur UVP, die seit 13 Jahren existieren und bereits vier Revisionen durchlaufen haben. Zusätzlich wird darauf hingewiesen, dass veraltete Daten zu Gletschern und Whiskern verwendet werden und neue Gletscherseen am Gepatschferner entstehen könnten. Diese Punkte gelten als potenzielle Gefahren durch auftauenden Permafrost und instabile Felsflanken, die während der Bauarbeiten übersehen werden könnten.

Forderungen nach Alternativen

Der Alpenverein und der WWF fordern zudem eine unabhängige wissenschaftliche Untersuchung der Risiken für Kraftwerke im Hochgebirge. Clemens Matt, Generalsekretär des ÖAV, spricht sich für eine belastbare Erhebung der Gefährdungslage bei großen Projekten in hochalpinen Regionen aus. Unterstützung erhalten die Umweltorganisationen auch von Global 2000, die eine Neubewertung der Pläne aufgrund von Sicherheitsrisiken und Alternativprojekten fordern.

Tiwag hingegen betont, dass Sicherheit oberste Priorität habe und das Projekt dem Stand der Technik entspreche. In ihren Unterlagen zur UVP werden auch die Prüfungen von Naturgefahren wie Lawinen, Steinschlag, Muren und Hochwasser behandelt. Es sind 100 Messstellen zur Überwachung der Sicherheit der Anlage vorgesehen.

Die Unterstützung des Kraftwerksausbaus kommt auch von früheren und aktuellen Landesregierungen, die den Ausbau zur Erreichung der Energieautonomie Tirols bis 2050 befürworten. Die anhaltende Kritik und die Forderungen nach alternativen Lösungen könnten jedoch entscheidend für die weitere Entwicklung des Projekts sein.