Ukrainischer Präsident Wolodymyr Selenskyj hat seine Bereitschaft bekundet, direkt mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin über zentrale Streitfragen zu verhandeln. In einem Interview mit dem ukrainischen Portal „Jewropejska Prawda“ äußerte Außenminister Andrij Sybiha, dass die Themen der Verhandlungen unter anderem Gebietsfragen sowie das von Russland besetzte Atomkraftwerk in Saporischschja betreffen würden. Dieses Kraftwerk, das größte in Europa, steht seit März 2022 unter russischer Kontrolle.

Die Bereitschaft zum Dialog kommt in einer Zeit, in der der Krieg in der Ukraine, der im Februar 2022 mit der russischen Invasion begann, weiter andauert. Seit Beginn des Konflikts 2014 mit der Annexion der Krim und der darauffolgenden Besetzung von Gebieten in der Ostukraine sind die Spannungen zwischen beiden Ländern enorm angestiegen. Russland betrachtet sich als Opfer westlicher Aggression, was durch antiwestliche Propaganda verstärkt wird, wie Soziologe Lew Gudkow vom Lewada-Zentrum berichtet. Feindliche Staaten werden dabei vor allem in Polen, Litauen, Großbritannien und Deutschland identifiziert.

Direkte Verhandlungen in Abu Dhabi

In den letzten Tagen fanden unter US-Vermittlung direkte Gespräche zwischen ukrainischen und russischen Unterhändlern in den Vereinigten Arabischen Emiraten statt. Diese Gespräche sollen am kommenden Sonntag in Abu Dhabi fortgesetzt werden. Russland hat territorialen Verzicht der Ukraine als Voraussetzung für einen Waffenstillstand gefordert. Besonders ins Gewicht fällt die Forderung nach dem Abzug ukrainischer Truppen aus den von Kiew kontrollierten Teilen des Donbass, was von Moseaus russischem Sondergesandten Kirill Dmitrijew als „der Weg zum Frieden“ beschrieben wird.

Die Lage im Donbass ist angespannt; laut russischen Angaben kontrollieren sie etwa 90 Prozent dieser Region. Beobachter bemerken, dass die Verhandlungen kompliziert sind und ein ernsthafter Verhandlungswille auf beiden Seiten fehlt. Selenskyj hatte schon in der Vergangenheit ein Treffen mit Putin gefordert, jedoch blieb Moskau bisher zurückhaltend, was direkte Gespräche betrifft.

Humanitäre und militärische Situation

Die humanitäre Lage in der Ukraine ist weiterhin prekär, da seit dem Beginn des Konflikts Millionen Menschen zur Flucht gezwungen wurden. Bis Juli 2023 erhielten mehr als 5,6 Millionen Binnenflüchtlinge Schutz im eigenen Land, während mehr als 6,5 Millionen Menschen ins Ausland geflüchtet sind. Die Zivilbevölkerung leidet unter militärischen Angriffen, die regelmäßig Städte und kritische Infrastruktur treffen.

Der Konflikt hat tiefe Narben in der Gesellschaft hinterlassen. Die Aggression Russlands gegen die Ukraine wird zunehmend als Völkermord anerkannt, und die internationale Gemeinschaft verfolgt die Situation aufmerksam. Der Internationale Strafgerichtshof hat Haftbefehle gegen Wladimir Putin und Marija Lwowa-Belowa erlassen, während die Ukraine ihre Streitkräfte kontinuierlich mit Unterstützung westlicher Waffen stärkt.

Die Perspektive auf Frieden bleibt unsicher, und es bleibt abzuwarten, ob die anstehenden Gespräche in Abu Dhabi eine Wendung im Konflikt bewirken können. Selenskyjs Bereitschaft, mit Putin zu verhandeln, könnte eine Chance bieten, die anhaltenden Kämpfe zu beenden und eine diplomatische Lösung zu finden.

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