Die Erderwärmung verändert unsere Welt in drastischer Weise und insbesondere die Arktis steht im Fokus geopolitischer Debatten. Kira Vinke, Leiterin des Zentrums für Klima und Außenpolitik an der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik, betont die neu entstehende „Klima-Geopolitik“, welche das Landkarten, Handelsströme und politische Schwerpunkte fundamental verändert. Im Süden Grönlands sind bereits erste Erfolge in der Landwirtschaft sichtbar, wo Gemüse angebaut wird, was die Nahrungsmittelversorgung verbessert.
Ein weiterer Aspekt sind die Auswirkungen auf die Lebensweise der indigenen Völker. Birgit Bednar-Friedl berichtet von Herausforderungen für Jäger und Fischer, welche durch das Nicht-Zufrieren der Gewässer im Winter entstehen. Dies beeinflusst nicht nur die Transportwege, sondern auch die Wanderungen der Rentierherden. Zudem werden wichtige Schifffahrtswege wie die Nordost- und Nordwestpassage in wenigen Jahrzehnten ganzjährig eisfrei sein, was neue Handelsmöglichkeiten eröffnet.
Herausforderungen durch Permafrost-Auftauen
Das Auftauen der Permafrostböden stellt jedoch ein massives Risiko dar. Laut einer Studie, die in dem Fachjournal „Communications Earth and Environment“ veröffentlicht wurde, sind bis zu drei Millionen Menschen betroffen. Experten aus Österreich, Dänemark und Schweden untersuchen die Herausforderungen, die durch die Zerstörung der Infrastruktur und Probleme mit Transport- und Nachschubwegen entstehen. Besonders gefährdet sind die Wasser- und Nahrungsmittelversorgung, da das Tauen des Untergrunds schädliche Stoffe aus alten Öl- und Gasgruben freisetzt.
Ein Beispiel für die dramatischen Folgen ist der Erdrutsch in Nuugaatsiaq, Grönland, der im Jahr 2017 einen Tsunami verursachte. Das Tauen des Permafrosts führt weiter zu Erosion in Küstengebieten und beeinträchtigt die Jagd- und Fischerhütten der betroffenen Gemeinden. Viele Siedlungen in Grönland, Spitzbergen, der Republik Sacha und kanadischen Gebieten am Beaufortsee und Mackenzie River sind von diesen Veränderungen betroffen.
Globale Aufmerksamkeit und die Rolle Chinas
Die weltpolitische Perspektive wird durch die geopolitischen Ansprüche verstärkt. China, das im Arktischen Rat seit 2013 einen Beobachterstatus hat, verfolgt aktiv eigene Interessen in der Region. Gertrude Saxinger spricht von der politischen Mobilisierung der indigenen Bevölkerung, die ihr Recht auf Land und Ressourcen verstärkt einfordert. Der Arktische Rat, der auch sechs Dachorganisationen indigener Völker umfasst, hat durch den russischen Angriff auf die Ukraine jedoch mit Einschränkungen zu kämpfen.
Ungeachtet der vielen Risiken äußern viele Menschen in den betroffenen Gebieten Zuversicht, dass sie weiterhin dort leben können. Diese Resilienz ist besonders beeindruckend, da die indigenen Völker sich seit Tausenden von Jahren an verändernde Gegebenheiten angepasst haben. Ein österreichisches Forscherteam plant Ende März den Aufbruch zur Sermilik-Forschungsstation, um wichtige Daten zu sammeln und den Kontakt zur lokalen Bevölkerung in Grönland zu pflegen. Es herrscht die Überzeugung, dass Grönland den Grönländern gehört, und dieses Gefühl könnte entscheidend für die künftige Entwicklung der Region sein.