Die gesellschaftlichen Herausforderungen stehen im Mittelpunkt der aktuellen Forschung von Barbara Prainsack, Politikwissenschaftlerin an der Universität Wien und Mitglied der Österreichischen Bioethikkommission. In einer Zeit, in der nur noch knapp mehr als die Hälfte der österreichischen Bevölkerung mit dem politischen System zufrieden ist, thematisiert sie in zwei neuen Büchern das Thema „Solidarität in der digitalen Welt“ sowie die Notwendigkeit, die demokratischen Spielregeln zu erneuern. Prainsack warnt vor einer zunehmenden Polarisierung und Fragmentierung in vielen Ländern und stellt fest, dass das Vertrauen in die Politik stark erodiert ist. Weltweit gibt es demnach 2025 erstmals mehr Autokratien als Demokratien, was die Attraktivität der Demokratie underminiert, da die versprochenen Werte von Würde, Sicherheit und Teilhabe am Wohlstand oft nicht eingehalten werden.
Ein zentrales Ergebnis ihrer Forschung zeigt, dass viele Menschen das Gefühl haben, dass die Politik primär den Interessen der Mächtigen dient. Dies führt zu einer kritischen Haltung gegenüber institutionellen Mechanismen, die zumeist für gesellschaftliche Ausgleichsprozesse verantwortlich waren. Prainsack beschreibt auch die Reaktionen der Menschen auf Krisen, die zwischen den Mustern „fight or flight“ und „freeze“ schwanken. Diese Reaktionen werden durch die theoretischen Ansätze der „Hypernormalisierung“ ergänzt, die von Alexei Yurchak geprägt wurde und besagt, dass Gesellschaften eine als falsch erkannte Realität akzeptieren, ohne sie anzusprechen.
Krisen und Skepsis gegenüber dem System
Besonders deutlich wird dies in der Reaktion auf die politischen Maßnahmen während der Corona-Pandemie, die eine fundamentale Skepsis gegenüber dem System hervorgerufen haben. Diese Skepsis wird laut Prainsack weiter gesteigert, wenn politische Entscheidungen nicht als konsistent, effektiv und fair wahrgenommen werden. Beispielsweise wurde die Impfpflicht in Österreich von vielen als politischer Fehler angesehen. Diese Unsicherheiten und die zunehmende Komplexität des Alltags führen dazu, dass vereinfacht Deutungen wie Verschwörungserzählungen an Popularität gewinnen.
Weltweit sind die letzten Monate zudem als die heißesten in der Geschichte der Messungen bekannt geworden, was die Dringlichkeit von Handlungen gegen den Klimawandel unterstreicht. Trotz des Wissens um katastrophale Folgen fehlen entschlossene Maßnahmen, um dem menschengemachten Klimawandel entgegenzutreten. Diese Situation wird auch als Teil eines globalen Kooperationsproblems betrachtet, wobei Regierungen und Unternehmen glauben, dass kleine Anpassungen im Konsum- und Wirtschaftsverhalten ausreichen werden.
Die Rolle digitaler Plattformen
Ein weiterer Aspekt, den Prainsack thematisiert, ist die Rolle digitaler Plattformen. Diese fördern oft extrem gewaltige Inhalte und behindern somit eine demokratische Diskussion. Die Polarisierung der öffentlichen Debatte hat zugenommen und wird durch soziale Medien weiter verschärft: Zahlen zeigen, dass polarisierende Äußerungen 67% mehr Engagement generieren als ausgewogene Beiträge. Das Vertrauen in die Wissenschaft hat in Österreich weniger gelitten als das in die Politik, was darauf hinweist, dass Menschen komplexe Probleme differenzierter betrachten.
Die gesellschaftliche Polarisierung entwickelt sich schleichend und ist oft das Ergebnis unterschiedlicher Werte und Lebenserfahrungen. Dies ist besonders bei Themen wie Migration und Klimawandel der Fall, die in einer europaweiten Vergleichsstudie als Polarisierungstreiber identifiziert wurden. Die Sorgen um den gesellschaftlichen Zusammenhalt wachsen in der Bevölkerung, und 68% der Deutschen nehmen die zunehmende Spaltung deutlich wahr.
Um dem entgegenzuwirken, plädiert Prainsack für Anreize für langfristiges Denken und Handeln sowie für eine formale Vertretung zukünftiger Generationen im legislativen Arm. Dabei gibt es auch vielversprechende Ansätze für den gesellschaftlichen Dialog, wie das „Digital Democracy Project“, das eine 45%ige Zunahme der Kompromissbereitschaft in moderierten Online-Diskussionen dokumentiert hat. Kulturelle Bildungsprogramme zeigen ebenso Erfolge in der Verringerung von Vorurteilen und Verschärfung gesellschaftlicher Konflikte.
In Anbetracht dieser Entwicklungen zeigt sich, dass die Überwindung gesellschaftlicher Polarisierung und Fragmentierung ein gemeinsames Engagement aller Akteure erfordert. Positive Veränderungen sind möglich, wenn strukturelle Maßnahmen und persönliches Engagement kombiniert werden. Forscher und Aktivisten sind gefordert, gemeinsam neue Ansätze zu entwickeln, um den Zusammenhalt in einer zunehmend gespaltenen Gesellschaft zu fördern.