Julian Schutting, der 87-jährige Autor, dokumentiert in seinem künstlerischen Diarium seit Dezember 2011 seine Erfahrungen und Eindrücke aus dem Alltag auf eine poetische Art und Weise. Anders als in traditionellen Tagebüchern geht es ihm nicht darum, einfach das Tagesgeschehen festzuhalten, sondern vielmehr um die tiefere Reflexion über das Erlebte. Die beiden Bände seiner Buchreihe „Auf vertrauten Umwegen“ sind Ausdruck seiner Fähigkeit, das Bedeutende im Unsichtbaren zu erkennen.
In einem persönlichen Gespräch in seinem Lieblingsheurigen in Wien-Sievering spricht Schutting über seine langen Wanderungen und deren Einfluss auf seine schriftstellerische Arbeit. Diese Spaziergänge, die er oft in der Natur unternimmt, geben ihm die Gelegenheit, seine Umgebung zu beobachten und Gedanken zu sammeln. „Ich gehe täglich zweieinhalb bis drei Stunden, am besten gleich in der Früh“, erklärt der Autor. „Das Wetter und die Stimmung der Wolken nehmen großen Einfluss auf meine Wahrnehmungen.“
Wanderungen und Inspiration
Das Wandern hat für Schutting eine strukturierende Funktion in seinem Alltag. Er beobachtet nicht nur die Umgebung, sondern lässt auch alltägliche Dinge, wie die Wolkenstimmungen, tief in seine Überlegungen einfließen. „Ein schöner Himmel ist eins zu eins eine Wiedergabe wert“, sagt er und beschreibt, wie seine Erlebnisse in seine gedruckten Seiten einfließen. Dafür fängt er Momente aus dem Alltag ein, seien es Gespräche, die er auf der Straße aufschnappt, oder kuriose Nachrichten in Gratiszeitungen.
„Die Gratiszeitungen sind eine Fundgrube, weil da oft so viel kurios Falsches steht“, bemerkt Schutting. „Aber auch Ö1 gibt mir viele Anregungen zum Assoziieren.“
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Die Bücher sind keineswegs ein klassisches Tagebuch. „Ich hoffe, dass von mir wenig oder so gut wie nichts drinnen steht“, entgegnet Schutting, wenn man ihn fragt. „Ich möchte die Wirklichkeit beschreiben“, sagt er weiter. In seinen Texten verankert er allgemeine Beobachtungen und streicht persönliche Erlebnisse oft weg, um eine breitere Perspektive zu ermöglichen.
„Dagegen denke ich, dass ich ein Melancholiker bin und einen starken Bewegungsdrang habe“, fügt er hinzu.
Die Einflüsse seiner früheren Karriere als Fotograf sind spürbar in seiner Art zu schreiben. „Die Kunst der Deskription kommt da ins Spiel, und ich versuche, mit so wenig Worten wie möglich zu beschreiben“, erklärt er. Eins seiner Fotos von einer bröckelnden Hauswand spiegelt zum Beispiel die Ästhetik wider, die ihn interessiert und die in seinen Texten auftaucht.
Die Zeit der Pandemie
Ein Thema, das Schutting zurzeit besonders beschäftigt, ist die Vorbereitung seines nächsten Buches. „Ich bin dabei, Stöße von ausgedruckten Manuskripten zu kürzen, weil ich will, dass im nächsten Band die ganze Coronazeit drinnen ist“, sagt er und bekräftigt, dass er während des Pandemiejahres einige seiner besten Werke verfasst hat. Er hat sich dazu entschieden, eine eigene Reflexion über diese außergewöhnlichen Zeiten zu verfassen, um seine Eindrücke festzuhalten.
„Die menschenleere Stadt war für mich schon sehr besonders und erschreckend“, reflektiert er. „Ich habe versucht, die Stimmung dieser Zeit einzufangen.“
Schutting plant insgesamt fünf Bände, wobei die Erlebnisse während der Pandemie unbedingt in diese Reihe integriert werden sollen. Trotz der Herausforderungen sucht er nach Wegen, das kreative Schaffen in dieser besonderen Zeit weiter voranzutreiben.
Im Gegensatz zu vielen anderen Künstlern hat er sich jedoch nicht mehr von der Absage kultureller Veranstaltungen berührt gefühlt. „Ich nehme kaum am Kulturleben teil, daher habe ich es nicht vermisst, dass ich in diesen schwierigen Zeiten nicht ins Theater gehen konnte“, räumt er ein.
Obwohl das Gesellschaftliche für ihn weniger von Bedeutung scheint, demonstriert er durch seine Schriften einen klaren Rückzug in die eigene Welt der Gedanken und Beobachtungen.
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