Heute erhielt die 15-jährige Sydney aus Baltimore, Maryland, eine gebrauchte Sammlerausgabe des Fantasy-Romans „La Belle Sauvage“ von Philip Pullman zu Weihnachten von ihrer Mutter. Während des Lesens entdeckte sie einen zusammengefalteten Zettel, der zwischen den dicken Buchseiten lag. Dieser Zettel wurde zunächst nicht als Lesezeichen wahrgenommen und enthielt eine handgeschriebene Botschaft.

Die erste Hälfte der Nachricht war ein persönlicher Gruß zum Muttertag, in dem eine Frau ihrer Mutter nachträglich alles Gute wünscht und ihre Liebe ausdrückt. Diese herzliche Botschaft war mit den Initialen „BG“ unterzeichnet. Doch der zweite Teil des Zettels stellte Sydney vor ein Rätsel: Es handelte sich um eine verschlüsselte Botschaft, die sie zunächst für eine andere Sprache hielt.

Der Schlüssel zur Entschlüsselung

Um das Geheimnis zu lüften, wandte sich Sydney an die Online-Community Reddit. Dort vermutete man schnell, dass es sich um eine Vigenère-Chiffre handelte, ein komplexes Verschlüsselungsverfahren, das im 16. Jahrhundert entwickelt wurde. Die Vigenère-Chiffre ist als polyalphabetisches Substitutionsverfahren bekannt, bei dem Klartext durch Geheimtext ersetzt wird. Diese Methode, deren Grundlagen bereits von Johannes Trithemius im Jahr 1508 beschrieben wurden, ermöglichte eine besonders sichere Kommunikation und wurde als „le chiffre indéchiffrable“ bezeichnet.

Ein Reddit-Nutzer konnte schnell den Anfang der geheimen Botschaft entschlüsseln: „I hope you like this book I didn’t ge […]“. Der vollständige Klartext lautete schließlich: „I hope you like this book I didn’t get a chance to read it yet“. Sydney befürchtet jedoch, dass die Botschaft die ursprüngliche Empfängerin möglicherweise nie erreicht hat, da der Zettel perfekt gefaltet zwischen den Seiten des Buches lag.

Wie funktioniert die Vigenère-Chiffre?

Die Vigenère-Chiffre nutzt ein 26×26 Quadrat, auch bekannt als Vigenère-Quadrat, für die Verschlüsselung. Dieses Quadrat enthält alle Caesar-Verschiebungen von 0 bis 25 Stellen und besteht aus Buchstaben des lateinischen Alphabets. Um einen Geheimtextbuchstaben zu bestimmen, kreuzen sich die Zeile des Klartextbuchstabens und die Spalte des Schlüsselwortbuchstabens. Der Buchstabe an dieser Kreuzung bildet den Geheimtextbuchstaben. Ein Beispiel für eine mögliche Anwendung wäre das Wort „ich“ und das Schlüsselwort „sic“.

Diese Methode zielt darauf ab, das Häufigkeitsmuster der Buchstaben zu verschleiern und bietet somit Vorteile gegenüber monoalphabetischen Methoden. Trotz ihrer Sicherheit blieb die Vigenère-Chiffre in der Anwendung selten, da viele Anwender sie als kompliziert empfanden. Die Identität von „BG“, dem Verfasser der verschlüsselten Botschaft, bleibt unterdessen ein Rätsel, und Sydney hofft, dass sie mehr über die Ursprungsgeschichte dieser geheimnisvollen Nachricht erfahren kann.