Am 15. Jänner 2026 fand in Wien die Neujahrs-Pressekonferenz des Handelsverbandes statt, bei der Branchenvertreter:innen alarmierende Kennzahlen und zentrale Forderungen an die Politik präsentierten. Der Einzelhandel, als tragende Säule der österreichischen Wirtschaft, macht rund ein Viertel aller Betriebe aus und ist der größte private Arbeitgeber des Landes. Im Jahr 2025 erwartet das Wifo einen Jahresumsatz von rund 80 Milliarden Euro, was inflationsbereinigt einem Plus von 1 Prozent entspricht. Dennoch äußerte Rainer Will, Geschäftsführer des Handelsverbands, Besorgnis über die langsame Wachstumsdynamik im Vergleich zur Eurozone. Er berichtete, dass der österreichische Einzelhandel im dritten Jahr in Folge ein Rekordniveau an Insolvenzen erreiche, mit 1.208 Insolvenzen im Vorjahr – das entspricht 23 Insolvenzen pro Woche.

Die Herausforderungen sind vielfältig und umfassen steigende Kosten für Energie, Personal, Mieten und Logistik, die auf stagnierende Umsätze treffen. Ein zentraler Kritikpunkt ist die hohe Bürokratiebelastung. Irina Andorfer von Sport 2000 forderte auf der Pressekonferenz eine Halbierung der Bürokratie bis 2035. Die Auswirkungen der steigenden Energiekosten sind ebenfalls besorgniserregend. Die Strompreise in Österreich sind seit 2020 um 59 Prozent gestiegen, die für Erdgas sogar um 128 Prozent. Andrea Heumann von Thalia Österreich wies auf die negativen Auswirkungen dieser Entwicklung auf die Kauflaune der Konsumenten hin.

Forderungen an die Politik

Der Handelsverband hat klar definierte Forderungen formuliert, um den Herausforderungen zu begegnen. Dazu zählt die Reform des Arbeitsrechts, wo Andrea Hiotu von dm Österreich Arbeitsanreize sowie eine Senkung der Lohnnebenkosten bis 2035 fordert. Zudem müsse der internationale Onlinehandel geregelt werden. Im Jahr 2025 werden in Österreich voraussichtlich 430 Millionen Pakete verschickt, von denen über 100 Millionen aus China stammen. Harald Gutschi von Otto Austria kritisierte die ungleichen Wettbewerbsbedingungen und forderte die Abschaffung der 150 Euro Zollfreigrenze sowie eine Anpassung der Plattformhaftung.

Um wettbewerbsfähig zu bleiben, betonen viele Einzelhändler die Notwendigkeit, in digitale Kanäle und moderne Technologien zu investieren. Der Einsatz von Künstlicher Intelligenz hat zugenommen: 62 Prozent der Händler:innen nutzen mittlerweile KI-Tools, während es im Vorjahr nur 37 Prozent waren. Rainer Will hebt auch hervor, dass der Zugang zu Kapital für Innovationen eine entscheidende Rolle spielt.

Zunehmende Insolvenzen im deutschen Einzelhandel

In Deutschland beobachtet man parallel eine hohe Insolvenzwelle im Einzelhandel, die mit 2.490 Insolvenzen zwischen August 2024 und August 2025 den höchsten Wert seit 2016 erreichte. Guillaume Dejean, Branchenexperte von Allianz Trade, erklärt, dass die Branche weiterhin mit den Veränderungen ihres Geschäftsmodells kämpft, die während der Pandemie initiiert wurden. Betroffene Unternehmen wie der Schuhhändler Görtz, der Modehersteller Gerry Weber und Discounter Kodi mussten bereits ihre Filialnetze anpassen oder schließen.

Obwohl die Dynamik dieser Insolvenzwelle abnimmt – im August 2024 gab es einen Anstieg um 20% im Vergleich zum Vorjahr, der im August 2025 auf 13% fiel – wird ein weiterer Anstieg der Insolvenzen nicht ausgeschlossen. In einigen europäischen Ländern, darunter die Niederlande, Großbritannien und Dänemark, ist die Zahl der Insolvenzen hingegen gesunken.

Die EU plant zudem, Zölle auf Billigpakete von chinesischen Online-Händlern einzuführen, um den Wettbewerb zu mindern. Diese Maßnahme soll voraussichtlich im Jahr 2026 in Kraft treten und könnte den Markt erheblich beeinflussen.

Insgesamt fordert der Handelsverband eine umfassende Reformagenda, um Geschäftsaufgaben zu vermeiden und den Verlust regionaler Vielfalt und Identität entgegenzuwirken. Die geplanten Maßnahmen der Regierung, wie die Halbierung der Mehrwertsteuer auf Grundnahrungsmittel und die Einführung einer nationalen Paketabgabe, werden positiv bewertet, jedoch bleibt die Unsicherheit über die Zukunft des Einzelhandels in Österreich und darüber hinaus bestehen.