Die Gewerkschaft ProGe hat einen Fonds zur Förderung der Lehrlingsausbildung gefordert, der von Unternehmen finanziert werden soll, die keine Lehrlinge ausbilden. Dies geschieht vor dem Hintergrund eines alarmierenden Rückgangs der Ausbildungszahlen in Österreich. Laut ProGe-Vorsitzendem Reinhold Binder sind im Jahr 2025 die Anzahl der Lehrbetriebe um 3,8 % gesunken, was über 1.000 Ausbildungsbetriebe bedeutet, und angesichts des steigenden Bedarfs an Fachkräften ist diese Entwicklung besorgniserregend. Innovationsspielräume sind aufgrund von über 17.000 offenen Lehrstellen derzeit stark eingeschränkt, während nur etwa 13.000 Lehrstellensuchende registriert sind, ein Ungleichgewicht, das auf ernsthafte strukturelle Probleme hinweist.
Binder kritisiert die oft kurzfristigen Entscheidungen vieler Unternehmen und fordert ein Umdenken in der Nachwuchsarbeit. Statt einer „Strafsteuer“, die die Wirtschaftskammer (WKO) vehement ablehnt, sollten Unternehmen, die keine Lehrlinge ausbilden, in den Fonds einzahlen. Die WKO argumentiert mit demografischen Faktoren und betont ihre jährlichen Investitionen von etwa drei Milliarden Euro in die Ausbildung junger Fachkräfte. WKO-Generalsekretär Jochen Danninger weist zudem darauf hin, dass einige Unternehmen aufgrund ihrer spezifischen Branche oder mangelnder geeigneter Bewerber keine Lehrlinge ausbilden können.
Demografische Herausforderungen
Ein weiterer Aspekt der Diskussion ist die demografische Entwicklung in Österreich. Die Bevölkerung im alternden Segment von 15- bis 19-Jährigen ist im Vergleich zu vor 45 Jahren um rund 220.000 gesunken, was die Suche nach geeigneten Lehrlingen zusätzlich erschwert. In Vorarlberg zum Beispiel waren Ende 2025 nur rund 6.350 Jugendliche in einem Lehrverhältnis, was einen Rückgang um 3,1 % darstellt. Zudem haben sich nur etwa 40 % der 15-Jährigen für eine Lehre entschieden, während dieser Anteil 2024 noch bei über 44 % lag. Die WKO in Vorarlberg sieht hierin einen Einfluss der konjunkturellen Lage sowie des Wettbewerbs mit weiterführenden Schulen.
Die Herausforderungen am Lehrstellenmarkt werden auch in der jährlich erscheinenden ibw-Publikation „Lehrlingsausbildung im Überblick“ thematisiert. Diese offenbart, dass ein schwieriges Matching von Angebot und Nachfrage herrscht und in mehreren Bundesländern wie Oberösterreich, Salzburg, Steiermark und Tirol eine Vielzahl von offenen Lehrstellen beim AMS vorgemerkt sind. Der Fachkräftemangel ist infolgedessen enorm und erfordert neuerliche Strategien zur Rekrutierung und Ausbildung von Jugendlichen.
Ausbildung und Motivation der Lehrlinge
Ein weiteres Anliegen der WKO sowie der ProGe ist die Beobachtung, dass viele Jugendliche oft nicht die notwendige Ausbildungsreife oder Motivation mitbringen. Diese Problematik steht im Konflikt mit der gesellschaftlichen Wahrnehmung, die die Matura als gegenüber einer Lehre bessere Bildungsalternative ansieht. Dies schlägt sich auch in den Statistiken nieder, die einen Rückgang der Lehrlinge im ersten Lehrjahr um 14 % im Jahr 2025 zeigen. Die WKO plant daher, kleinere Betriebe besser zu unterstützen und ihre Image- sowie Informationsarbeit zu verbessern.
Insgesamt zeigt sich, dass sowohl wirtschaftliche als auch soziale Faktoren grundlegend sind für die Entwicklung der Lehrlingsausbildung in Österreich. Der Fokus auf langfristige Strategien und die Schaffung stabiler Rahmenbedingungen sind essenziell, um den Rückgang der Lehrbetriebe und die daraus resultierenden Herausforderungen erfolgreich zu bewältigen. Weitere Informationen hierzu finden sich in den Berichten von vienna.at sowie in der ibw-Publikation ibw.at.