In einem wegweisenden Gerichtsurteil in New York wurde die Verantwortung eines Psychologen und eines Chirurgen für die medizinische Behandlung von Fox Varian, einer heute 22-jährigen Transgender-Person, festgestellt. Varian erhielt einen Schadenersatz von rund zwei Millionen Dollar (ca. 1,5 Millionen Euro), nachdem sie sich mit 16 Jahren einer sogenannten „Top Surgery“ unterzogen hatte, bei der beide Brüste entfernt wurden, um als Junge zu leben. Die vierköpfige Jury entschied, dass die medizinischen Fachleute in der Behandlung gegen anerkannte Sorgfaltsstandards verstoßen hatten, wobei unzureichende Schutzmechanismen festzustellen waren. Die Operation, die als Lösung für Varian’s Geschlechtsdysphorie dargestellt wurde, wurde von den Anwälten der Klägerin als voreilig und unumkehrbar kritisiert.

Die Verteidigung wies jedoch darauf hin, dass Varian sich über mehrere Jahre hinweg als männlich identifiziert hatte und den Eingriff selbst gewünscht hat. Ihre Mutter gab zudem an, dass sie der Operation nur zugestimmt habe, nachdem ihr gesagt wurde, ihre Tochter könnte sich das Leben nehmen, was einen erheblichen emotionalen Druck erzeugt habe. Die Geschworenen kamen zum Schluss, dass vor dem Eingriff weitere psychologische Abklärungen notwendig gewesen wären, insbesondere bezüglich möglicher Begleiterkrankungen.

Änderung der Perspektive auf Geschlechtsdysphorie

Die medizinisch-wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Transgender-Identität und Geschlechtsdysphorie hat sich in den letzten Jahren bedeutend verändert. Neuere Klassifikationssysteme und differenzierte neurobiologische sowie psychosoziale Forschung führen zu einem besseren Verständnis dieser komplexen Themen. Der aktuelle Wissensstand kommt zu dem Schluss, dass Geschlechtsdysphorie nicht als psychische Störung, sondern als relevant für die sexuelle Gesundheit betrachtet wird. Dieser Perspektivenwechsel wird im ICD-11 deutlich, in dem Geschlechtsinkongruenz als Gesundheitszustand klassifiziert wird, anstatt als Erkrankung.

Die „Standards of Care“ der WPATH betonen, dass die medizinische Versorgung von Transgender-Personen umfassend sein sollte, indem somatische, psychische und psychosoziale Aspekte berücksichtigt werden. Gleichzeitig zeigen systematische Reviews, dass die Evidenzbasis für Interventionen bei Kindern und Jugendlichen begrenzt ist, was eine sensibler Umgang mit ihrer Gesundheitsversorgung unumgänglich macht.

Psychische Belastung und Zugang zur Gesundheitsversorgung

Die psychischen Belastungen von transgeschlechtlichen Jugendlichen sind vielfach und können durch gesellschaftliche Diskriminierung und Marginalisierung verstärkt werden. Eine Studie zur Trans-Gesundheitsversorgung während der COVID-19-Pandemie ergab, dass trans Personen häufig mit Barrieren bei geschlechtsangleichenden Behandlungen und psychosozialen Unterstützungsangeboten konfrontiert sind. Die Pandemie hat bestehende Vulnerabilitäten noch verstärkt und den Zugang zu trans-spezifischen Behandlungen erheblich eingeschränkt. 54,8% der Teilnehmenden in der Studie berichteten von körperlichen Erkrankungen, während 32,6% unter psychischen Störungen litten.

Ein Zugang zu geschlechtsangleichenden Maßnahmen korreliert mit besseren psychischen Gesundheitsparametern, was die Notwendigkeit einer differenzierten und individualisierten Herangehensweise in der medizinischen Praxis unterstreicht. Die Ergebnisse zeigen, wie wichtig die Berücksichtigung psychosozialer Faktoren sowie die Notwendigkeit zusätzlicher Unterstützung für Betroffene sind.

In Anbetracht der fortlaufenden Debatten über die medizinische Versorgung von Transgender-Personen und der aktuellen Rechtsprechung im Fall von Fox Varian wird erneut klar, dass eine kritische Bewertung der medizinischen Interventionen, insbesondere bei Minderjährigen, unerlässlich ist.

Für weitere Informationen zu den Hintergründen und aktuellen Entwicklungen im Bereich der Geschlechtsdysphorie und Transgender-Gesundheitsversorgung besuchen Sie exxpress.at, gesundheits-lexikon.com und pmc.ncbi.nlm.nih.gov.