Der Rückzug des tschechischen Energiekonzerns ČEZ aus dem Atomgeschäft in der Slowakei wirft Fragen zur wirtschaftlichen Tragfähigkeit der Atomenergie auf. Laut ÖKONEWS zieht sich ČEZ schrittweise aus der Projektgesellschaft JESS zurück und verkauft Anteile an die slowakische Regierung. Dies geschieht im Rahmen von Verhandlungen, die angesichts hoher Investitionskosten und der Abhängigkeit von staatlicher Unterstützung immer drängender werden.
Die slowakische Regierung plant den Bau eines neuen Reaktors im Atomkraftwerk Jaslovské Bohunice, doch die Frage bleibt, wie dieses Projekt wirtschaftlich tragfähig sein kann. Ein Sprecher von ČEZ betont, dass Kernkraftwerke ohne massive staatliche Beteiligung kaum realisierbar sind. Dies spiegelt den Trend wider, dass Atomkraft immer mehr als öffentliches Finanzierungsprojekt betrachtet wird, bei dem Gewinne privatisiert und Risiken auf die Allgemeinheit abgewälzt werden.
Investitionen in Tschechien
Tschechien hingegen setzt stark auf die Entwicklung neuer Atomkraftwerke und plant Investitionen von über 30 Milliarden Euro bis 2050. Dies beinhaltet den Bau von bis zu vier neuen Reaktoren sowie modularen Reaktoren (SMRs). Der staatliche Energiekonzern ČEZ hat bereits 20% des britischen Unternehmens Rolls-Royce SMR erworben, um in die Entwicklung dieser kleinen modularen Reaktoren einzusteigen, wie die ZEIT berichtet.
Der erste neue Reaktor in Tschechien soll ab 2029 gebaut werden und bereits 2036 in den Probebetrieb gehen. Der Kernenergieanteil im tschechischen Strommix soll bis zu 56 Prozent betragen. Bedenken hinsichtlich der Wirtschaftlichkeit und der hohen Baupreise stehen jedoch im Raum, insbesondere in Anbetracht der Tatsache, dass jeder neue Reaktor mindestens acht Milliarden Euro kosten wird. Experten warnen vor möglichen Überkapazitäten und höheren Strompreisen, die die Verbraucher belasten könnten.
Der Weg zur Energieunabhängigkeit
Zudem hat die tschechische Regierung einen Vertrag über den Bau von zwei neuen Reaktoren im Atomkraftwerk Dukovany unterzeichnet, was als größte Einzelinvestition in der Geschichte des Landes gilt. Dieses Projekt hat einen Wert von über 16 Milliarden Euro und wurde an das südkoreanische Unternehmen KHNP vergeben, dessen Angebot als überlegen galt. Premierminister Petr Fiala sieht diesen Schritt als notwendig für mehr Energieunabhängigkeit und Sicherheit, insbesondere in einem Energiemarkt, der auch von anderen Ländern wie Frankreich und Polen beeinflusst wird, die ebenfalls auf Atomkraft setzen, wie die Tagesschau berichtet.
Tschechien möchte den Anteil des Atomstroms von derzeit 40 Prozent auf 50 Prozent erhöhen, während erneuerbare Energien nur 15 Prozent des Energiemixes ausmachen. In den kommenden Jahren sind auch Umweltverträglichkeitsprüfungen für neue Standorte und zusätzliche Investitionen geplant. Die Branche steht jedoch vor der Herausforderung, wirtschaftliche Rentabilität und gesellschaftliche Akzeptanz in Einklang zu bringen.